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Stand: 10.08.2016

Pressemitteilung

Kempten

Eine gute Geschäftsidee für daheim

Die US-Firma Sram baut laut Süddeutsche Zeitung für Entwicklungsländer robuste Fahrräder, u.a. damit die Bauern ihre verderbliche Ware endlich zum nächsten Markt bringen können. Die Zentrale Rückkehrberatung - Südbayern in Augsburg (ZRB), geleitet vom Caritasverband für die Diözese Augsburg e. V., verfolgt eine andere Idee. Lastenfahrräder selber bauen zu können, könnte nach Überzeugung von Anita Werner, die Leitung der ZRB, eine gute Grundlage für ein  eigenes kleines Unternehmen im Herkunftsland von Flüchtlingen sein. So hat die ZRB nun schon zum  zweiten Mal Flüchtlinge eingeladen, an einer Qualifizierungsmaßnahme zum Bau von Lastenfahrrädern teilzunehmen.

Sechs junge Männer aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea, Äthiopien und Somalia nahmen an dieser

Der Kurs „Qualifizierungsmaßnahme zum Bau eines Lastenfahrrades“.

Qualifizierungsmaßnahme teil. Stattgefunden hat sie in der Metall-Werkstatt des gemeinnützigen Kemptener Vereins Kempodium in der Untere Eicher Straße. Der Kfz-Mechaniker und Schlosser Gerhard Haug, Leiter der Metall-Werkstatt, hatte zuvor von "Die Chance" in Lindau und Bekannten 12 alte Fahrräder gesammelt. Es sollten ja keine neuen Lastenfahrräder gebaut werden, sondern aus gebrauchten Fahrrädern. Gemeinsam mit dem Schmiedemeister Stefan Mexner bildete er das Ausbilder-Team.

Sie hatten nur fünf Tage Zeit, das Grundwissen zum Bau eines Lastenfahrrades zu vermitteln. "Von Anfang an haben wir die Teilnehmer eingebunden und mit ihnen darüber gesprochen, wie wir es am besten anfangen und worauf es ankommt", erzählt Mexner. "Drei Fahrräder mit derselben Reifengröße braucht man um ein Lastenfahrrad zu bauen", erläutert Haug. Ein Hinterrad und zwei vordere Räder müssen so zusammengebaut werden, dass vorne die Ladefläche von zwei Rädern getragen wird. Das Ziel des Kurses: Zwei Lastenfahrräder mit je einer Traglast von 100 bis 150 kg

Die Kommunikation war nicht ganz einfach. Sieben verschiedene Sprachen inklusive Deutsch und Englisch wurden gesprochen. Die Flüchtlinge konnten zwar schon etwas Deutsch, aber es reichte eben nicht für technische Fragen aus. Auch die Englisch-Kenntnisse waren für diese Aufgaben unzureichend. "Aber es funktionierte dann mit Händen und Füßen", sagten sowohl Haug als auch Mexner.

Die Flüchtlinge hatten bis auf einen aus Afghanistan keine technischen Vorkenntnisse. Dennoch packten sie von Anfang an voller Eifer und hoch motiviert mit an. "Das kenne ich von deutschen Schülern nicht so", sagte Haug. "Wir haben die Vierkant- und Flacheisen, die für den Lastenvorbau nötig sind, alle von Hand sägen und alle nötigen Löcher dafür bohren lassen", so Mexner. Dass dabei genau gemessen werden musste, verstand sich von selber. Wo die Fahrräder abgesägt worden waren, mussten schließlich mit der Eisenfeile die rauen und spitzen Stellen wieder abgefeilt werden. Wo Teile zusammengeschweißt werden mussten, ließen Mexner und Haug die jungen Männer mit dem Punktschweißgerät ran. Da das Lastenfahrrad über den Fahrradlenker gesteuert wird, brachten die Kursteilnehmer jeweils zwei Spurstangen an. Was muss dabei bedacht werden, wie bringe ich sie an, dass die Beweglichkeit nicht behindert wird? "In diesen wenigen Tagen geht es darum, Grundfähigkeiten sich anzueignen, mehr nicht", erläutert der Schmiedemeister Mexner.

Haug nahm sich viel Zeit, um jeden einzelnen Schritt genau zu erklären. Als Ahmed I. das Schweißgerät ansetzte, um ein abgeschnittenes Vorderrat mit Lastenvorbau durch eine Schweißnaht zu verbinden, schaute Mexner genau zu, korrigierte ihn und ließ ihn dann nachkorrigieren. Er und Haug waren mit ganzem Herzen dabei. Man merkte es ihnen an, wie sie jeden Arbeitsschritt verfolgten und den jungen Männern erklärten, was sie wie genau zu tun hätten. "Dieser Kurs macht mir richtig Spaß. Es sind tolle Leute, die hochmotiviert sind", lobt er die Flüchtlinge.

Alle Teilnehmer nutzten das Kursangebot nicht nur, um aus dem gesetzlich vorgegebenem Nichtstun in ihren Unterkünften herauszukommen. Sie wissen aber darum, dass sie wohl keine dauerhafte Bleibeperspektive in Deutschland haben. "Für sie ist so ein Kurs ein gutes Angebot zur Orientierung", erläutert Werner von der ZRB. "Wenn sie dann wirklich zurückgehen, haben sie nicht nur eine Idee, was sie zuhause tun könnten, um dort eine berufliche Zukunft aufzubauen, sie nehmen dank des Kurses auch Fachwissen mit." Jamal Abdu aus Eritrea hat schon konkrete Ideen. Er steht im Kontakt mit zwei Bekannten, die bei ihm zuhause eine Fahrradwerkstatt haben. Da könnte er, so meint er, mitarbeiten und gleichzeitig das Geschäft durch den Bau von Lastenfahrrädern erweitern. Nur, wie er an das dafür nötige Material kommen kann, das weiß er noch nicht.

Wenn Flüchtlinge wieder in ihr Heimatland zurückzukehren, wollen sie nicht mit leeren Händen dastehen. Die Zentrale Rückkehrberatung kann ihnen dabei helfen. Dazu gehört die Beratung, wie man einen Business-Plan erstellt. Der wiederum gehört dazu, wenn man Fördergelder dafür erhalten möchte, zuhause in der Heimat ein eigenes Geschäft aufbauen zu wollen. Die ZRB kann dafür wie auch die Rückreise auf verschiedene Fördertöpfe zurückgreifen. Dazu gehören die Fördergelder vom Freistaat Bayern, vom Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF), von der International Organisation for Migration (IOM) sowie vom Reintegration and Emigration Program for Asylum Seekers (REAGH) und Government Assisted Repatriation Program (GARP). Das sind verschiedene Töpfe, die unterschiedliche Höhen für Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern vorsehen. "Wer wieviel welche Unterstützung aufgrund erhalten kann, dass muss die Beratung ergeben", fügt Werner hinzu.