Die Arbeit der kirchlichen Wohlfahrtsverbände erreicht rund eine halbe Million Menschen in Schwaben und Oberbayern. Doch die Zukunft der Angebote ist ungewiss. Im Schulterschluss setzen die Bischöfe beider Kirchen jetzt ein Zeichen für den Erhalt des Sozialstaats
"Armut darf kein Ausschlusskriterium sein" und Pflege darf niemanden arm machen", das sind zwei der fünf "Augsburger Thesen", die am 26. September 2026 vor der Augsburger Annakirche "angeschlagen" werden. Kurz vor den bundespolitischen Weichenstellungen zur Sozialstaatsreform haben sich die großen Kirchen in Augsburg zusammengetan und nutzen den Rahmen der bundesweiten Caritas-Aktionstage für die öffentlichkeitswirksame Vorstellung ihrer "Augsburger Thesen".
In fünf Leitausagen formulieren Caritas und Diakonie als die beiden großen kirchlichen Wohlfahrtsverbände in Schwaben gemeinsame Forderungen für einen Sozialstaat, der die Schwächsten nicht zurücklassen darf. Die Thesen nehmen konkrete Themen in den Blick: Armut, Kinder und Familien, Migration, Teilhabe, Pflege und damit eine auch künftig verlässlich finanzierte soziale Infrastruktur.
Gemeinsame Enthüllung der Thesen durch die Bischöfe beider Kirchen:
"Die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar"
Die Botschaft ist unmissverständlich: Reformen im Sozialstaat ja - pauschaler Kahlschlag auf dem Rücken
Die fünf Augsburger Thesen von Caritas und Diakonie für einen solidarischen Staat
der Schwachen nein. Die Kirchen verleihen der Präsentation Nachdruck: Niemand anderes als der katholische Diözesanbischof Dr. Bertram Meier und der evangelische Regionalbischof Klaus Stiegler enthüllen am 26. September 2026 nach dem Ökumenischen Abendgebet in der Annakirche das Banner mit den Thesen. So setzen die Oberhirten Meier und Stiegler ein Zeichen für soziale Verantwortung und den Schutz der Schwächsten und betonen: "Die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar. Deshalb brauchen Armut, Teilhabe und der Schutz des Menschen unseren gemeinsamen Einsatz - auch und gerade in Zeiten knapper öffentlicher Mittel."
Caritas "Soziale Infrastruktur darf nicht wegbrechen"
"Wir brauchen einen Sozialstaat, der sich nicht von seinem Kern verabschiedet. Wer soziale Strukturen zerstört, spart nicht einfach Kosten - er nimmt Menschen Chancen und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt.", so Diakon Markus Müller, Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Augsburg. Deshalb müsse die Allgemeine Sozialberatung als unverzichtbare erste Anlaufstelle gesetzlich abgesichert und dauerhaft öffentlich kofinanziert werden.
Diakonie: Sozialstaat ist Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt
"Wer in Not ist, muss auch in Zukunft in unserem Staat Hilfe bekommen. Das gilt auch für Menschen, die pflegebedürftig werden. Pflege darf niemanden arm machen und nicht davon abhängen, ob Angehörige die Versorgung finanzieren oder leisten können. Ein leistungsfähiger Sozialstaat ist keine Belastung, sondern eine unverzichtbare Grundlage für ein gutes Zusammenleben", sagt Pfarrer Fritz Graßmann, Theologischer Vorstand der Diakonie Augsburg.
Appell an die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft
Die Vorstände der beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände drängen auf die Umsetzung dieser Thesen: "Es bedarf dieser notwendigen Schritte für eine soziale und gerechte Gesellschaft. Je mehr Menschen, Institutionen, Gemeinschaften sich auf den Weg dazu machen, je mehr aufstehen und die Stimme dazu erheben, umso durchdringender und stärker kann eine Veränderung in unserer Gesellschaft erfolgen. Letztlich trägt jeder von uns dazu bei, dass menschliches Leben in Würde sich entfalten kann und Teilhabe in der Gesellschaft erfährt", so Pfarrer Graßmann und Diakon Müller vor der Annakirche.
Einspruch! Augsburger Thesen für einen solidarischen Staat
Mit ihren gemeinsamen "Augsburger Thesen" setzen Caritas und Diakonie unter dem Titel "Einspruch!" fünf Schwerpunkte. (Das ausführliche Papier zu den Inhalten und zur Entstehung der "Augsburger Thesen" finden Sie in Kürze unter www-caritas-augsburg.de)
1. Armut darf kein Ausschlusskriterium sein
Solidarität gilt auch von oben nach unten. Soziale Gerechtigkeit schließt von Armut betroffene Menschen nicht aus.
2. Kinder und Familien verlässlich unterstützen
Frühzeitige Hilfe vermeidet hohe Folgekosten. Die Finanzierung muss als Investition in die Zukunft auskömmlich bleiben.
3. Pflege darf niemanden arm machen
Pflege ist eine Gesellschaftsaufgabe. Sie braucht eine solidarische Finanzierung.
4. Migration ist eine Chance, kein Problem
Gute Migrationspolitik eröffnet Wege zu Integration und stärkt die Volkswirtschaft.
5. Teilhabe ist ein Gewinn
Teilhabe steht jedem Menschen zu. Gute und verlässliche Inklusionspolitik überwindet Barrieren.