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Stand: 29.11.2017

Pressemitteilung

Gundelfingen/Günzburg

Sie sollen es nachempfinden können

Michaela Linder und Christine ­Hermann, die die Verhaltensregeln vorgeben, schauen schweigsam  zu. Dann auf einmal verändert sich die Situation. Linder und ­Hermann legen nach Zitrone duftende Tücher vor die Nasen der ­Frauen. Sie ­sagen kein Wort. Wieder ­Minuten später kommen sie sich laut unterhaltend rein, sprechen über Krankheiten anderer über die Köpfe der am ­Boden liegen ­Personen hinweg. Sie rücken Beine von der einen Seite zu ­anderen. Wieder Minuten später hört man Umgebungsgeräusche. Eine Kaffeemaschine hört man, wie eine ­Zeitung umgeschlagen wird. Keiner weiß, woher die Geräusche ­kommen.

Für die Frauen, die an einer internen Schulung der Wohnstätten der CAB ­Caritas Augsburg Betriebsträger gGmbH in Gundelfingen teilnehmen, handelt es sich nur um eine Übung. Sie hat aber einen bestimmten Zweck. "Sie sollen es nachempfinden können, wenn ein Mensch nur noch liegt, sein Körper- und sein Zeitgefühl verliert, nicht mehr klar wahrnehmen kann, was um ihn herum geschieht", sagt Linder. Sie ist Palliative Care-Fachkraft für Menschen mit geistigen Behinderungen und Wohngruppenleitung in Offingen, wo die Caritas-Wohnstätten der CAB Caritas Augsburg Betriebsträger gGmbH - Ressort Behindertenhilfe ein Wohnheim hat.

Eine einfache Übung für die Teilnehmerinnen der Fortbildung. Sie dauerte nur 15 Minuten. Und doch waren sie uneinig darüber, wie lange sie nun wirklich gedauert hätte. Das Zeitgefühl war schon nach kurzer Zeit nicht mehr klar gegeben. Einer Teilnehmerin flog eine Fliege vor der Nase herum. "ich fühlte mich ausgeliefert", sagte Laura Nobile,  Auszubildende im Haus Auweg in Günzburg. Und der Zitronenduft, so angenehm er für den Beobachter gewesen sein mag, störte schnell eine Teilnehmerin. "Ich bekam ein beklemmendes Gefühl, ich wusste nicht, was da lag", so ihre Kollegin Brigitte Beshay. "Die Geräusche, sie waren furchtbar, nur stressig", gestand Marzena Pfister ihre Gefühle ein.

"Was meinen Sie nun, wie es einem sterbenden Menschen geht, der stunden-, ja tagelang nur noch liegen kann?", wandte nun Linder ein. "Ihre Erfahrung macht uns allen sehr deutlich, wie wichtig es ist, das Zimmer eines Sterbenden bewusst zu betreten. Sie müssen sich davor klar machen, was sie nun tun werden und sich wirklich Zeit nehmen." Und erklärt sie, wie man sich richtig verhält. Es ist so verständlich, und doch scheint zwischen dem eigentlich Selbstverständlichen und im Arbeitsalltag eine große Kluft zu bestehen. Wenn man in das Zimmer gehe, dann solle man die Person direkt ansprechen und berühren. "Hallo, ich bin da, ich bin die Michi", zum Beispiel. "Und sagen Sie deutlich, was Sie dann machen wollen. Wenn Sie wieder gehen, dann sagen Sie das auch zu diesem Menschen und berühren ihn erneut, um sicher zu gehen, dass er Sie wahrnimmt." Wer in das Zimmer hineinrumpele, der mache dem Patienten nur Angst, "weil er nicht weiß, was da auf ihn zukommt."

Linder berichtet von einem Sterbefall im Jahr 2014. Ein Bewohner war sterbenskrank. Die Betreuung und Pflege nahm viel Zeit in Anspruch. "Er ist gut gegangen, so gut, dass so mancher sagte, so schön möchte ich auch sterben", erzählt Linder. Das lag auch daran, dass alle Mitarbeiter, die sich um den sterbenskranken Bewohner kümmerten, von ihren Kolleginnen und Kollegen niemals unter Zeitdruck gesetzt wurden. "Wer zu ihm ins Zimmer ging, der wusste, dass die Kolleginnen und Kollegen sich um alle anderen kümmerten und man jetzt selber alle Zeit hatte."

Offenbart schon der Handschlag so viel über eine Person, so kann die Art und Weise, wie man die Hand eines sterbenskranken Menschen hält, von Verunsicherung bis zu einem Gefühl der tiefen Geborgenheit reichen. Hält man die Hand des anderen nur am Daumen "lapprig" fest, vertieft das nur das Gefühl der Unsicherheit. Bilde man hingegen mit seinen beiden Händen eine Schale, in der die Hand des Sterbenskranken liegt, schenke man, so Linder, ein Gefühl der Geborgenheit und Ruhe.

Geht es schon bei der Berührung mit der Hand um Vertrauen, so gilt das erst recht bei der Mundpflege.

Mundpflege sollte man einmal selbst erlebt haben, um sie bei einem anderen Menschen durchführen können.Josefine Mittring (li.) von der Wohngruppe Katharina im Haus Auweg der Wohnstätten der CAB Caritas Augsburg Betriebsträger gGmbH in Günzburg geht ganz vorsichtig mit der Mundpflege-Bürste vor, um ihrer Kollegin Patricia Saul von der Wohngruppe Martin im Haus Auweg auf keinen Fall weh zu tun.Bernhard Gattner

Gerti Endres hat sie einmal im Rahmen einer Ausbildung über sich ergehen lassen müssen. "Es war grausam." Doch das muss es nicht sein. In jeder Apotheke kann man sich heute schon beraten lassen. Es gibt heute weiche Spezialbürsten mit Zahnpasten mit den verschiedensten Geschmackswerten von Hagebutte über Zitrone und Salbei zu Erdnuss- oder Sanddornfruchtöl, das sehr gut ist bei offenem Zahnfleisch. "Das aber reicht alles nicht. Sie müssen dem Patienten genau sagen, was Sie tun, was jetzt genau kommt."

Damit alle Teilnehmerinnen es an sich einmal erfahren haben, laden Linder und Herrmann sie ein, gegenseitig die Zahnpflege durchzuführen. Es wird ruhig dabei. Sie gehen mit Sorgfalt und Zurückhaltung vor. Sie haben Sorge, etwas falsch zu machen.

Für Christine Hermann, die das Emmausheim der CAB-Wohnstätten in Gundelfingen leitet und gleichzeitig aber das Thema Palliative Care für die anderen Einrichtungen in Günzburg und Offingen mit verantwortet, ist der Kurs ein wichtiger Bestandteil in der Ausbildung. "Wenn wir uns regelmäßig damit auseinandersetzen, was es ganz konkret für den Menschen heißt, an einer schlimmen tödlichen Krankheit zu leiden, dann wirkt sich das nicht nur für die sterbende Person aus, sondern auch für alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner. Sie erleben ja  mit, wie wir als Gruppen­leiter, Heilerziehungspfleger und Team-Kolleg­en mit ihrem sterbenskranken Mit­bewohner umgehen."

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